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FRUEHJAHR 2022

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Editorial

Liebe Freunde des guten Schirmer/Mosel-Buchs,

als ich jüngst – es war der 26.11.2021 – in meiner Münchener Stammkneipe, dem „Schumann’s“, einkehrte, um zu Abend zu essen, wurde mir neben dem Impfausweis auch ein Personalausweis abverlangt. Ich war ein wenig pikiert. Es dauerte, bis ich das Papier – eigentlich ist es eine Plastikkarte – im Haushalt meiner Jackeninnentaschen geortet hatte, aber der mit der Kontrolle betraute Kellner – offensichtlich eine junge Kraft – ließ dann doch von mir ab, als ein älterer Kollege im Vorbeigehen mich freundlicherweise mit „Guten Abend, Herr Schirmer“ begrüßte.

Nun hatte ich meine Identitätskarte in der Hand und allen Grund, mich selbst zu vergewissern, ob ich der richtige Mensch am rechten Ort wäre. „Lothar Schirmer, geboren am 1.2.1945, Schmalkalden“, stand da. Also nicht nur der 1. Advent stand bevor, sondern demnächst auch mein 77. Geburtstag. Sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich Ihnen heute dieses neue Programm erstmals nur „unter Vorbehalt“ vorlege und damit dem offensichtlichen Quantensprung im Lebensalter Rechnung trage. Auch eine Anzahl anderer Symptome der Unsicherheiten legen Vorbehalte nahe. Vor allem der Blick auf meine tägliche Umsatzstatistik. Dort taucht bei etwa 60 bis 80 täglichen Lieferrechnungen fast immer nur ein einziger Bestellername auf: der von allen staatlichen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen so kraftvoll geförderte Lieferautomat namens Amazon. Mit den anderen Unsicherheiten gesundheitlicher Art oder dem drohenden Papiermangel will ich Sie nicht langweilen, sondern zur Sache kommen.

Allen Widrigkeiten zum Trotz ist unser neues Programm so schön und reich, als hätte Fortuna es über uns ausgeschüttet (auch wenn sich das ein oder andere in seinem Erscheinen verzögern mag, weil es eigentlich ein Programm für ein ganzes Jahr ist):

Zwei Glücksfälle der internationalen Kulturpolitik werden unseren Autoren August Sander und Bernd und Hilla Becher und auch uns und dem ganzen Land nie geahnte Öffentlichkeit bescheren. Seltsamerweise sind es die Autoren, in deren Werk sich Heimatkunde und Kunst in angenehm nüchterner Weise verbunden haben. Das Centre Pompidou in Paris feiert August Sander mit zwei großen Ausstellungen, die seine Photographien einmal im Rahmen der Gemälde der Neuen Sachlichkeit zeigen und einmal in einer Soloschau. Die Ausstellungen, die den ganzen Sommer über zu sehen sind, werden von zwei Katalogen begleitet, die in deutscher Sprache bei Schirmer/Mosel erscheinen.

Bernd und Hilla Becher und ihr großes Werk werden ebenfalls im kommenden Frühjahr mit einer großen Retrospektive im Metropolitan Museum in New York gefeiert, die an die Westküste und später nach Kanada weiterreisen wird.

Dieses Pariser/New Yorker Doppelereignis ist weniger ein Erfolg der offiziellen deutschen Kulturpolitik als vielmehr der jahrzehntelangen verlegerischen Pflege der jeweiligen Gesamtwerke durch den Schirmer/Mosel-Verlag in Zusammenarbeit mit der in Köln ansässigen SK-Stiftung geschuldet. Die SK-Stiftung pflegt seit Jahren den Nachlass von August Sander und seit dem Tod von Bernd und Hilla Becher auch den der Bechers. Schade nur, dass die Ausstellungen nach heutigem Ermessen den Weg nach Deutschland nicht finden werden. Deshalb greifen Sie bitte zu unseren Büchern!

Am 9. Februar wird Gerhard Richter 90 Jahre alt. Wir feiern ihn mit einer zweiten Auflage der großen Gerhard Richter-Werkmonographie von Armin Zweite. Und Richter hat uns aus diesem Anlass die Edition einer Originalphotographie für eine Collector’s Edition zum Geschenk gemacht.

Joseph Beuys hätte am 12. Mai seinen 101. Geburtstag. Ich nehme diesen Tag zum Anlass, in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesmuseum in Darmstadt einen großen Beuys-Schatz aus dem Dunkel der Archive ans Tageslicht der Öffentlichkeit zu heben. In sechs Zeichenheften hat Beuys in den Jahren 1957 bis 1961 eine Art zeichnerisches Vermächtnis angelegt, dem er in seinem Lebenslauf den eigenwilligen Titel Joseph Beuys verlängert im Auftrag von James Joyce den Ulysses um sechs weitere Kapitel gegeben hat. Der kalendarische Zufall hat es gefügt, dass sich 2022 auch die Erstveröffentlichung des Romans Ulysses von James Joyce zum 100. Mal jährt. Die sechs Hefte, prall gefüllt mit den feinsten und schönsten Beuys-Zeichnungen, werden in einem großformatigen Band mit einer deutsch/englischen Einführung von Dr. Mechthild Haas, Leiterin des Darmstädter Kupferstichkabinetts, in einer limitierten und nummerierten Auflage als Bestandskatalog des Museums bei uns erscheinen.

Meine eigene verlegerische Betreuung des Werks von Joseph Beuys begann vor genau 50 Jahren, als 1972 das große weiße Buch mit den Bleistiftzeichnungen erschien. Eine Vorzugsausgabe, die Beuys aus diesem Buch gemacht hatte, ist im vergangenen Jahr das Motiv der Beuys-Gedenkbriefmarke der Deutschen Post geworden. Das hat mich veranlasst, eine kleine Entstehungsgeschichte des Buches für Sie zu verfassen. Es markiert nicht nur den Beginn meiner verlegerischen Tätigkeit vor 50 Jahren, sondern auch die ebenso lange Zusammenarbeit mit Joseph Beuys und seiner Familie. Der Anfang, so heißt es bei Aristoteles, ist die Hälfte des Ganzen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Für unsere vielen weiteren Bücher bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit. Exemplarisch möchte ich Sie an dieser Stelle noch auf das Segantini-Buch unseres Freundes Michael Krüger hinweisen. Es ist eine wunderbare Vereinigung von gemalter Kunst und geschriebener Poesie. Sie werden es genießen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen ein gutes und fruchtbares Ulysses-Jahr 2022 mit all den neuen und den so wunderbar gereiften alten Schirmer/Mosel-Büchern. Und natürlich Gesundheit!

  LS-Blau

Ihr Lothar Schirmer
München, im Dezember 2021

 

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